Armut als Herrschaftsinstrument – von Rom bis Radermacher
Einleitung
Im Jahr 2013 hielt der Ökonom Franz Josef Radermacher einen Vortrag, in dem er eine provokante These formulierte: Wenn genügend viele Menschen in Europa arm genug seien, dass sie im Wesentlichen keine Ressourcen mehr verbrauchen – also weder Auto fahren, im Winter heizen noch Fleisch konsumieren –, dann würden sich Energie- und Klimaprobleme scheinbar „von selbst“ lösen. Diese „Lösung“ sei zwar „nicht sozial- oder politikverträglich“, doch sie verdeutliche, wohin eine falsche Entwicklung führen könne: zu einer Gesellschaft mit fünf bis zehn Prozent Reichen, die ihren Wohlstand aufrechterhalten, weil es der Mehrheit schlecht geht. Radermacher warnte vor einer „Brasilianisierung Europas“ – einer Zweiklassengesellschaft, wie sie in vielen Regionen der Welt längst Realität ist.
Dieses Zitat wurde in den sozialen Medien vielfach verkürzt und verfälscht wiedergegeben: „Mach alle Bürger arm, dann sind zwei große Probleme gelöst.“ In Wahrheit war es eine Warnung – nicht ein politisches Programm. Doch Radermachers Worte treffen einen empfindlichen Nerv: Armut als politisches Steuerungs- und Herrschaftsinstrument. Historisch betrachtet ist diese Mechanik keineswegs neu. Schon seit der Antike wurde Armut bewusst erzeugt, stabilisiert oder instrumentalisiert, um Herrschaft zu sichern und Widerstand zu schwächen. 1990 war der Startschuss von „Armut als politisches Steuerungs- und Herrschaftsinstrument“. Ganz Europa ist davon betroffen. Es reicht aus, ein Land in die Armut zu treiben, damit ganz Europa zusammenbricht . Man nennt Deutschland nicht umsonst „ Wirtschaftsmotor“. Was glauben Sie, lieber Leser, warum die deutsche Wirtschaft in den Ruin gefahren wird?
1. Antike: Brot und Spiele
Der römische Dichter Juvenal prägte die Formel „panem et circenses“ – „Brot und Spiele“. Damit beschrieb er eine Herrschaftstechnik, die nicht auf Wohlstand für alle setzte, sondern auf das Ruhigstellen der Massen durch minimale Versorgung und Ablenkung. Rom konnte es sich leisten, Getreide an die verarmte Stadtbevölkerung zu verteilen, während die politische Macht in den Händen einer kleinen Elite lag.
Die Strategie war einfach: Halte die Armen arm, aber gib ihnen gerade genug, um zu überleben – und lenke sie mit Unterhaltung von politischem Engagement ab. Auf diese Weise wurde Armut nicht überwunden, sondern stabilisiert. Widerstand war unwahrscheinlich, da die Menschen mit Überleben beschäftigt waren. So wird es heute auch nicht anders gemacht. Fußball-WM, dann kommt Fußball-EM, es gibt auch noch den Fußball-Afrikacup. Dann kommt Formel 1, dann kommt Tennis oder Motorradrennen. Es kommt immer etwas, Hauptsache, der Pöbel bleibt in seinen vier Wänden und wird nicht aufmüpfig. Hat den schon mal einer bemerkt, wie ruhig es im Telegram-Messenger geworden ist? Auch in der Urlaubszeit ist die Ruhe kaum erträglich. Es wird alles gelenkt und gesteuert.
2. Mittelalter: Feudale Abhängigkeit
Das europäische Mittelalter war durch die feudale Grundherrschaft geprägt. Bauern hatten keinen Besitz, keine politische Teilhabe und lebten in struktureller Armut. Diese Abhängigkeit vom Grundherrn war kein Zufall, sondern System: Sie garantierte, dass die Mehrheit nicht aufbegehrte. Bildung blieb privilegierten Schichten vorbehalten. Armut diente als „natürliche Ordnung“, die durch Religion und Tradition legitimiert wurde.
Die herrschende Klasse profitierte von der Arbeit der Armen, während diese keinerlei Mittel hatten, sich zu befreien. Auch hier war Armut ein Herrschaftsinstrument: Wer hungert, kann nicht revoltieren. Wir haben das europäische Mittelalter, das durch die feudale Grundherrschaft geprägt war, zurück. Alles wird verstärkt durch die EU.
3. Industrialisierung: Disziplin durch Verelendung
Mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verschärfte sich die soziale Ungleichheit erneut. Fabrikarbeiter lebten oft in katastrophalen Zuständen, während Unternehmer immense Profite erzielten. Niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten und fehlende Rechte hielten die Arbeiter in permanenter Abhängigkeit.
Wie der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi analysierte, war diese „Verelendung“ kein ungewollter Nebeneffekt, sondern Teil der neuen Wirtschaftsordnung. Armut sicherte Arbeitsdisziplin. Erst durch Streiks, Gewerkschaften und soziale Bewegungen wurde Druck aufgebaut, der in den Sozialgesetzen des späten 19. Jahrhunderts mündete. Genau dort sind wir heute wieder. Jeder hat Angst, seine Anstellung zu verlieren. Deshalb ist es auch für das System sehr einfach, immer faschistischer seinem Volk gegenüber zu werden. Keiner hinterfragt mehr, keiner wagt sich zum Vorgesetzten zu gehen und aufzuzeigen, dass dieser Vorgang gegen das Gesetz verstößt. Es ist egal, wo und in welchem Beruf, ob Polizei, Verwaltung oder Krankenhäuser, alle arbeiten nach Anweisung, weil Sie darin den Schutz finden. So steuert man ein Unrechtssystem.
4. Kolonialismus: Armut als koloniale Strategie
Auch in den Kolonien wurde Armut gezielt produziert. Europäische Mächte zerstörten lokale Strukturen und machten ganze Regionen abhängig von Exporten und Monokulturen. Ressourcen wurden ausgebeutet, Wohlstand floss in die Metropolen, während die koloniale Bevölkerung in Armut zurückblieb.
Der Effekt war doppelter Natur: Zum einen standen billige Arbeitskräfte zur Verfügung, zum anderen wurden die Kolonien durch ihre wirtschaftliche Schwäche kontrollierbar. Armut war also nicht „natürlicher Rückstand“, sondern ein bewusstes Ergebnis kolonialer Herrschaftspolitik.
5. Moderne Demokratien: Wohlfahrtsstaat und neoliberale Wende
Im 20. Jahrhundert schien der Wohlfahrtsstaat die Mechanik der Armut zu durchbrechen. Durch Sozialversicherungen, Arbeitsrechte und Bildungssysteme wurde die Bevölkerung in breiten Teilen Europas vor existenzieller Armut geschützt. Dies war nicht nur ein Akt der Gerechtigkeit, sondern auch eine Lehre aus den Katastrophen zweier Weltkriege: Armut und Ungleichheit destabilisieren Gesellschaften.
Doch seit den 1980er Jahren setzte mit der neoliberalen Wende eine Gegenbewegung ein. Prekarisierung, Deregulierung und Sparpolitik führten zu wachsender Unsicherheit. Niedriglohnsektoren, Hartz-IV-Systeme und wachsende Wohnungsnot sind Symptome einer neuen „disziplinierten Armut“. Auch hier gilt: Wer ums Überleben kämpft, hat wenig Kraft für politischen Widerstand. Darum sind alle Bemühungen von sehr vielen Demonstrationen, Montagsspaziergängen, Pegida, Querdenken und Gelbwesten.
6. Radermachers Analyse im Kontext
Radermachers Vortrag von 2013 passt in diese historische Linie. Seine Aussage lässt sich in drei Punkte gliedern:
- Armut reduziert Ressourcenverbrauch.
Wer arm ist, fährt kein Auto, heizt weniger und isst kein Fleisch. Damit sinkt der ökologische Fußabdruck. Genau dort sind wir jetzt. Bahnticket?!? - Armut schafft „Gerechtigkeit“.
Wenn alle arm sind – im Norden wie im Süden –, dann verschwinden relative Ungerechtigkeiten. Dies sei zwar eine „merkwürdige Form der Gerechtigkeit“, aber dennoch ein denkbarer Effekt. Darum sollte man immer genau überlegen, zu welchen Prozenten ich gehören möchte. - Armut stabilisiert Eliten-„Macht“.
5–10 % der Bevölkerung könnten weiterhin im Wohlstand leben, weil die Mehrheit verarmt. Der „Kuchen“ muss nicht größer werden, solange nicht alle daran teilhaben. Es sind mehr als nur 5–10 %, ein sehr großer Teil hat Deutschland schon vor Jahren verlassen. Man kann von 40 % ausgehen.
Radermacher betonte, dass dies kein wünschenswertes Szenario sei, sondern eine Warnung. Seine ironische Empfehlung lautete: „Schauen Sie, dass Sie zu den 5 % gehören.“ Gemeint war: Wenn wir diesen Weg gehen, wird es brutal ungerecht – und wir befinden uns bereits auf dem Weg dorthin.s brutal ungerecht – und wir befinden uns bereits auf dem Weg dorthin.
7. Fazit: Armut – Das ist kein Zufall
Die historische Betrachtung zeigt: Armut war nie nur Schicksal, sondern immer auch politisches Kalkül. Ob im Römischen Reich, in feudalen Ordnungen, während der Industrialisierung oder im Kolonialismus – Armut war ein Werkzeug der Herrschaft. Sie schwächt, sie bindet, sie diszipliniert.
Radermachers Analyse erinnert daran, dass diese Mechanik auch im 21. Jahrhundert wirkt. In Zeiten von Klimakrise, Globalisierung und Ungleichheit besteht die Gefahr, dass Armut erneut zur „Lösung“ erklärt wird – nicht im Sinne der Armen, sondern im Interesse der Eliten.
Die zentrale Frage lautet daher: Wollen wir eine Elite, die Armut bewusst als Steuerungsinstrument nutzt, oder eine Ordnung, die Wohlstand und Teilhabe für alle ermöglicht? Europa steht vor dieser Entscheidung – und Radermachers Worte sind ein mahnender Hinweis, dass wir bereits gefährlich weit in Richtung Zweiklassengesellschaft marschieren. Was möchte das Volk? Merkt das Volk eigentlich, was gespielt wird? Wie sollen 20 % der Aufgewachten die restlichen 80 % von etwas anderem überzeugen Wenn die Eliten sagen, wir gehen links, dann gehen sie links. Wenn die Aufgewachten sagen, wir gehen geradeaus weiter, gehen die 80 % wahrscheinlich links weiter. Man kann es auch so sehen, es ist eine Selektierung. Die Starken, die den richtigen Weg gehen und ihren neuen Gladiatoren Vertrauen schenken können, dann werden es die 20 % schaffen. Es liegt an Euch, in welchen % ihr sein wollt.
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